Krankheiten Überfunktion der Nebenschilddrüsen
ICD-Codes: E21.0 E21.1 E21.2 E21.3 Was sind ICD-Codes?
Bei der Überfunktion der Nebenschilddrüsen handelt es sich um eine Hormonstörung, durch die der Kalziumspiegel im Blut steigt. Die Folge können Knochenabbau, Nierensteine, Magen-Darm-Beschwerden sowie psychische und geistige Beeinträchtigungen sein. Ein operativer Eingriff schafft häufig Abhilfe.
Auf einen Blick
- Als Nebenschilddrüsen werden mehrere kleine hormonproduzierende Drüsen bezeichnet, die hinten an der Schilddrüse anliegen.
- Eine Überfunktion der Nebenschilddrüsen bleibt lange ohne Beschwerden. Oft fällt sie nur zufällig durch einen erhöhten Kalzium-Wert im Blut auf.
- Langfristig kann eine Überfunktion der Nebenschilddrüsen zu vielfältigen Beschwerden und Folgeerkrankungen führen.
- Ursache ist häufig ein Nebenschilddrüsen-Adenom - ein gutartiger Knoten, der zu viele Hormone bildet.
- Ein Adenom kann operativ entfernt werden.
- Hinter der Nebenschilddrüsen-Überfunktion steckt manchmal eine andere Erkrankung. Wird sie behandelt, normalisiert sich auch die Nebenschilddrüsen-Funktion wieder.
Hinweis: Die Informationen dieses Artikels können und sollen einen Arztbesuch nicht ersetzen und dürfen nicht zur Selbstdiagnostik oder -behandlung verwendet werden.
Was ist eine Überfunktion der Nebenschilddrüsen?
Als Nebenschilddrüsen werden mehrere, etwa erbsengroße hormonproduzierende Drüsen bezeichnet, die im Halsbereich hinten an der Schilddrüse anliegen und eine eigenständige Funktion haben.
Die Nebenschilddrüsen regulieren den Kalziumhaushalt im Körper. Dazu bilden sie das Nebenschilddrüsenhormon (Parathormon). Es sorgt dafür, dass immer die richtige Menge an Kalzium im Blut zur Verfügung steht. Das geschieht vor allem über zwei Wege:
- Im Knochen ist Kalzium als Baumaterial gespeichert. Ist zu wenig Kalzium im Blut, bewirkt das Parathormon, dass die Knochen Kalzium abgeben.
- Bei einem zu niedrigen Kalzium-Spiegel sorgt das Parathormon dafür, dass Kalzium nicht mit dem Urin ausgeschieden, sondern aus dem Urin „zurückgeholt“ wird und wieder ins Blut gelangt.
Bei einer Überfunktion der Nebenschilddrüsen ist zu viel Parathormon vorhanden. Dadurch wird vermehrt Kalzium aus dem Knochen freigesetzt, das nicht vollständig über die Nieren ausgeschieden wird. Der Kalziumspiegel im Blut steigt. Gleichzeitig wird mehr Phosphat über den Urin ausgeschieden, wodurch der Phosphatspiegel im Blut sinkt.
Oft ist ein Adenom die Ursache für eine Nebenschilddrüsen-Überfunktion. Dabei hat sich aus Nebenschilddrüsen-Gewebe ein Knoten gebildet, der ungehemmt Parathormon bildet – auch wenn bereits genug Kalzium im Blut ist.
Wie äußert sich eine Überfunktion der Nebenschilddrüsen?
Eine leichte Überfunktion der Nebenschilddrüsen verursacht oft keine oder nur leichte Beschwerden. Symptome wie Müdigkeit und ein allgemeines Schwächegefühl, Konzentrationsprobleme und Stimmungsschwankungen können zudem auch bei vielen anderen Erkrankungen auftreten. Deshalb wird eine leichte Überfunktion meist nur zufällig im Rahmen von Routine-Blutuntersuchungen entdeckt.
Bei schwereren Krankheitsverläufen kann die Nebenschilddrüsen-Überfunktion vor allem in diesen drei Körperbereichen zu Problemen führen:
- Nieren: In den Nieren können sich Nierensteine bilden. Diese können zu Schmerzen und Krämpfen in Bauch und Unterleib führen. Die Steine können die Schleimhäute der Harnwege verletzen, sodass dem Urin Blut beigemischt sein kann.
- Knochen: Um den Kalzium-Spiegel im Blut zu erhöhen, wird Kalzium aus den Knochen freigesetzt. Dadurch kann es zu Glieder- und Rückenschmerzen kommen.
- Magen-Darm-Trakt: Es wird zu viel Magensäure gebildet. Beschwerden wie Appetitlosigkeit, Bauchschmerzen, Übelkeit, Verstopfung, Blähungen oder Gewichtsverlust können die Folge sein.
Die Beschwerden bei einer Überfunktion der Nebenschilddrüsen werden deshalb manchmal auch als „Stein-, Bein- (also Knochen-) und Magen-Pein“ zusammengefasst.
Wodurch wird eine Überfunktion der Nebenschilddrüsen ausgelöst?
Eine Überfunktion der Nebenschilddrüsen kann verschiedene Ursachen haben.
Oft ist ein Adenom dafür verantwortlich – ein Knoten aus Nebenschilddrüsen-Gewebe, der ungehemmt Parathormon bildet, auch wenn bereits genug Kalzium im Blut ist. Meist handelt es sich um ein einziges Adenom, nur selten sind zwei oder mehr Drüsen betroffen.
Manchmal bilden die Nebenschilddrüsen aber auch viel Parathormon, weil der Körper wegen einer anderen Erkrankung Kalzium verliert oder schlechter aufnimmt. Ein typisches Beispiel dafür ist die chronische Nierenkrankheit.
Bei manchen Menschen ist die Überfunktion genetisch bedingt. Bei den erblichen Formen können zusätzlich Tumoren an anderen Drüsen vorkommen. Eine andere seltene erbliche Form der Nebenschilddrüsen-Überfunktion kann bereits bei Neugeborenen auftreten.
Wie häufig ist eine Überfunktion der Nebenschilddrüse?
Von 1000 Menschen haben wahrscheinlich 1 bis 4 eine Nebenschilddrüsen-Überfunktion, die von den Drüsen selbst ausgeht. Manche Schätzungen kommen auch auf etwas höhere Zahlen.
Fachleute gehen davon aus, dass die Erkrankung in den letzten Jahren deshalb häufiger festgestellt wird, weil das Kalzium im Blut öfter bestimmt wird. Dadurch fällt eine Nebenschilddrüsen-Überfunktion, die keine Beschwerden macht, eher auf.
Typischerweise erkrankt man im mittleren Alter zwischen 50 und 60 Jahren – dabei sind Frauen häufiger betroffen als Männer.
Wie wird eine Überfunktion der Nebenschilddrüsen diagnostiziert?
Um eine Nebenschilddrüsen-Überfunktion festzustellen, spielen Blutuntersuchungen eine wichtige Rolle.
Meist fällt zunächst ein erhöhter Kalzium-Wert auf. Der Wert wird bei den üblichen Routine-Bluttests meist mitbestimmt. Ist auch der Parathormon-Wert im Blut erhöht, liegen meist ein oder mehrere Adenome vor.
Auf einen Kalzium-Mangel reagieren die Nebenschilddrüsen mit einer gesteigerten Produktion von Parathormon. Das Parathormon ist darum auch erhöht, wenn eine andere Erkrankung einen Kalzium-Mangel verursacht. Der Kalzium-Wert ist in diesem Fall eher normal oder sogar zu niedrig.
Weitere Blut- und Urinuntersuchungen helfen, das Ausmaß der Erkrankung einzuschätzen und andere Erkrankungen auszuschließen.
Mithilfe mancher Werte kann die Ärztin oder der Arzt zum Beispiel prüfen, wie gut die Nieren arbeiten. Andere Werte können Hinweise darauf geben, ob die Knochen bereits angegriffen werden.
Wird ein Adenom vermutet, versucht die Ärztin oder der Arzt, es per Ultraschall, einer Computer-Tomografie (CT), einer Szintigrafie oder einer PET-Untersuchung zu entdecken.
Ultraschall- und Röntgen-Untersuchungen kommen infrage, um Schäden an den Nieren oder Knochen festzustellen. Bei einem Verdacht auf Magengeschwüre kann eine Magenspiegelung nötig sein.
Wie behandelt man eine Überfunktion der Nebenschilddrüsen?
Die Behandlung einer Nebenschilddrüsen-Überfunktion richtet sich nach ihren Ursachen.
Hat man ein Adenom, aber keine Beschwerden und der Kalzium-Blutwert ist nur leicht erhöht, kann abgewartet werden. Die Werte werden dann alle 1 bis 2 Jahre kontrolliert.
Eine Operation zur Entfernung des Adenoms kommt infrage, wenn man Beschwerden, Schäden an den Nieren, den Knochen oder im Magen-Darm-Trakt oder ein erhöhtes Risiko für eine hyperkalzämische Krise hat. Wenn möglich, wird der Eingriff dann gewebeschonend (minimalinvasiv) vorgenommen.
Außerdem können bei Adenomen Medikamente eingesetzt werden, um die Hormonbildung zu bremsen - zum Beispiel, wenn ein Eingriff nicht möglich oder gewünscht ist.
Steckt hinter der Überfunktion der Nebenschilddrüsen eine andere Erkrankung, die den Kalzium-Mangel ausgelöst hat, ist eine Operation nicht sinnvoll. Dann ist es wichtig, zunächst die zugrunde liegende Erkrankung zu behandeln.
Manche Menschen benötigen dauerhaft Kalzium- und Vitamin-D-Präparate, um den Kalzium-Mangel auszugleichen – dann müssen das die Nebenschilddrüsen nicht mehr übernehmen und ihre Hormonproduktion geht auf ein normales Level zurück. Reicht das nicht aus, kann man versuchen, die Hormonbildung in den Nebenschilddrüsen mit Medikamenten zu bremsen.
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In Zusammenarbeit mit dem Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG).
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